Im Grunde reif – Gastbeitrag von Benjamin Bitterling

Vorwort vom Schreibsalon Berlin:
Ich freue mich sehr, heute wieder einen ganzen Beitrag posten zu dürfen von meinem lieben Freund Ben. Es geht heute um die Macht, die ein Buch haben kann, das genau zur richtigen Zeit zu einem kommt. Und es geht um das Gute, was uns Menschen ausmacht – eine These, von der ich persönlich zu hundertprozent überzeugt bin, auch schon, bevor ich das Buch, um das es heute geht, gelesen habe.
Danke, lieber Ben, für deinen Beitrag!

Es gibt Geschichten, die eigentlich noch nicht erzählt werden sollten. So wie Früchte an einem Baum, die noch nicht richtig reif sind. Als Kind konnte ich das nie begreifen: All die vielen, verschiedenen Obstbäume, die alleine in unserem Garten standen. In allen tickte eine andere Uhr und meine Mutter wusste immer genau, wann sie hätten reif sein sollen, aber so richtig funktionierte das nie. Insgeheim rebellierte ich gegen ihren Rat und testete regelmäßig den Obstbestand: Vielleicht hatte ich ja Glück und pflückte genau eben die Beere vom Strauch herunter, die schon reifer und genießbarer waren als die anderen. Oft wurde ich enttäuscht: Warum waren wir genau immer dann im Sommerurlaub, wenn die Süßkirschen reif waren? Denn Konkurrenz gab es mehr als genug: Zu guter Letzt saßen die Stare lärmend im Pflaumenbaum und ließen nie lange etwas für die anderen übrig. So ging es jedes Jahr wieder von Neuem los und in mir wuchs das Gefühl, dass ich jedes Jahr aufs Neue die richtige Zeit zur Ernte verpasst hatte.

Erfahren habe ich so etwas nicht nur mit dem saisonalen-Obst-Kalender, sondern auch mit anderen Erzeugnissen: Wie oft sagte ich mir, dass die Zeit noch nicht reif sei, um dann irgendwann einsehen zu müssen, dass die zu beschreibenden Blätter bereits gefallen waren und der Wurm der Zeit aus meinen musischen Ideen schon längst künstlerisches Fallobst gemacht hatte.

Nein, heute soll das nicht so sein. Also reingebissen in den Apfel:
Wieder einmal lag so ein Buch bei Rebecca, das ich neugierig in die Hand nahm… war es vom Küchentisch oder doch vom Sofa im Wohnzimmer? Ich weiß es nicht mehr, aber Rebecca gab es mir mit: „lies mal, wird dir bestimmt guttun“. So tat ich und das Buch tat es ebenso.
„Im Grunde gut“, geschrieben von einem Niederländer, Rutger Bregman, packte mich sofort und ließ mich nicht mehr los.

Es wäre zu viel des Guten, zu behaupten, dieses Buch hätte meine Weltsicht verändert. Vielmehr drückt es meine Erfahrungen und Einsichten in Worten aus, fasst sie in ein paar Kapiteln zusammen und belegt sie mit zahlreichen Beispielen aus der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Biologie und den Geschichtswissenschaften. Die Grundthese ist, der Mensch sei gut und die Krankheiten der modernen Gesellschaft nur darauf zurückzuführen, dass wir mit Entstehung der Landwirtschaft unsere ebenfalls sesshaft gewordenen, oftmals leider arroganten Anführer nicht mehr effizient genug vom Acker jagen konnten. Dieser Tage gibt sich ein bereits abgewählter amerikanischer Präsident sehr große Mühe, diese These vollumfänglich zu bestätigen.

Während der Lektüre wäre ich oft am liebsten aufgesprungen und hätte allen Menschen in meinem Umfeld zugerufen: „Schaut mal, so ist das eigentlich“ und „ich habe es immer gewusst, hatte mich nur nicht getraut, es auszusprechen“. Müssen Zimbardo und sein vielfach verfilmtes Stanford-Prison-Experiment neu gelesen und bewertet werden? Hat die brutale, strukturelle Polizeigewalt in den USA ihre Ursprünge in ein paar wenigen, wissenschaftlichen Fehlschlüssen? Können wir die Gesellschaft, die Schulen, Unternehmen und Institutionen tatsächlich mit nur der Annahme des Guten im Menschen von Grund aus reformieren? Dieses Buch und sein Inhalt könnte ein Wellenbrecher sein, oder ein soziologisches Schweizer Taschenmesser.

Tatsächlich musste nicht erst anfangen, an das Gute im Menschen zu glauben. Dafür bin ich genug gereist und habe in so vielen Kulturen schon längst meine eigenen, überaus positiven Erfahrungen mit Menschen machen dürfen. Und ich habe irgendwo zwischen zwei Kapiteln begonnen, mir selbst zu erlauben, dass ich aus gutem Grund an das Gute im Menschen glauben und danach mein Leben ausrichten darf.

Es ist mir nicht so wichtig, was andere aus diesem Buch herauslesen oder ob sie den wissenschaftlich aufbereiteten Beweisführungen ebenfalls folgen wollen. Ich es diesmal einfach anders. Ich nehm mir nicht vor, gleich die ganze Welt zu verbessern. Das wäre ja, wie den richtigen Zeitpunkt zur Obsternte für alle Bäume zu finden – einfach unmöglich. Ich fang lieber bei mir an. Ich werde es einfach feiern, dass diese Brombeere offensichtlich schon reif war, und sie mir genüsslich im Munde zergehen lassen. Ob das ein Glücksgriff war oder es schon Brombeerenzeit ist? Mir doch egal! Wenn ich dieser Frage nachgehen würde, würde ich das Genießen vergessen, am Ende erführen die Stare davon oder meine Eltern ließen alles abernten und einfrieren.

Vor zwei Wochen habe ich endlich gekündigt. Ich plane einen Podcast und schließe immer mehr kleinere Projekte ab, die sich bei mir angehäuft haben. Von einigen trenne ich mich nun auch gänzlich. Könnte gut sein, dass dieses Buch mir dafür den Mut gegeben hat: Vielleicht finde ich irgendwo Leute, die auch nach dieser Grundannahme leben und gemeinsam mit mir etwas entstehen lassen wollen. Das wäre schön und ich möchte das herausfinden und riskiere jetzt einfach, als Idealist belächelt zu werden.

Eventuell nehme ich den Mund auch zu voll und diese Geschichte war tatsächlich noch nicht reif. Man wird sehen. Ich möchte jetzt neue Dinge ausprobieren. Der Garten ist riesig und es gibt irgendwo da drüben bestimmt noch mehr reife Früchte, von denen noch keiner weiß… selbst ich noch nicht.

Benjamin Bitterling

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