Da wird eine Insel sein – Danke, Klaus Hoffmann!

Den heutigen Beitrag unserer schönen KulturAlsLebenselixier-Reihe schreibe ich selbst. Dagegen habe ich mich eine ganze Weile gesträubt, weil ich nicht in der Lage war, mich auf ein Erlebnis, eine Situation festzulegen.
Aber dann habe ich mich erinnert.
Es gibt da ein Lied, das mich in verschiedenen Lebensphasen immer wieder begleitet hat. Das haben natürlich auch viele andere Lieder gemacht, aber ich erinnere mich daran, dass ich dieses eine Lied oft ganz bewusst angehört habe. Anfangs, um selber Kraft zu schöpfen, später dann in meiner Arbeit als Musiktherapeutin, um Menschen, die ich begleitet habe, Kraft zu geben. Das Lied heißt ‚Da wird eine Insel sein‘ und ist von Klaus Hoffmann.

Ich habe dieses Lied kennengelernt, da war ich in meinem letzten Semester im Studium in Heidelberg. Es war eine Zeit des Abschlusses und der Verabschiedung lieb gewonnener Menschen. Viel Aufbruchsstimmung und viel Trauer, gemischt mit dem Gefühl, Teil eines Drehbuches zu sein, eine Protagonistin – eine Heldin! Das Lied passte hervorragend in diese Stimmung hinein.
Ein paar Monate später saß ich mit meiner Mutter im Auto, auf dem Weg zum Flughafen. Nach Nepal sollte es gehen. Keine weiteren Pläne. Kein genaues Rückflugdatum.


„Eines Tages wird es klar sein, mit den Fischen tauchst du auf. Und das Licht ist da und endlich siehst du Land. Und dann spürst du auch schon Boden und die Strömung nimmt dich auf und die letzte Welle spült dich an den Strand.“

Was folgte waren 12 Monate voller lebendiger Erfahrungen, aber auch einiges an Schmerz und ein stetiger Kampf mit inneren Dämonen. Dieses Lied wurde der Soundtrack dazu, erinnerte mich immer wieder daran, dass alles vorbei geht, ich fand mich selbst im Wechsel zwischen aufgebrachtem Ozean und Stille am Strand, auf der Insel. Ich fühlte mich einsam, verlassen, aber ich erlebte auch Momente bodenloser Gemeinsamkeiten mit neu kennengelernter Menschen, am anderen Ende der Welt aufgewachsen, und doch im Herzen gleich.

„Und dein eigener Atem trägt dich und du nimmst dich an die Hand. Trotz der Schwächen, trotz der Stimmen, trotz der Pein. Und du stolperst einfach weiter und dann fällst du in den Sand. Bist geborgen, bist vorhanden, bist allein.“

Ich kam zurück nach Deutschland. Ich baute mir hier ein Leben auf. Die ersten Jahre waren holprig. Berlin ist nicht unbedingt eine Stadt, die einen mit offenen Armen empfängt, vor allem nicht, wenn man so hilflos auf den Wellen des städtischen Lebens surft, wie ich damals. Das Lied geriet zwischendurch in Vergessenheit, tauchte selber ab und an aus den Tiefen der Erinnerung auf, schwamm dann wieder davon. Der Soundtrack änderte sich und ich lernte mit den Jahren, besser umzugehen mit dieser Stadt und mit mir selbst. Erlebte zwischendrin weitere kleine Tragödien. Erinnerte mich an „Zaubervögel über’m Regenwald“ und machte weiter.

Irgendwann arbeitete ich als Musiktherapeutin auf einer Palliativstation. Dieses Lied wurde wieder präsent und auf einmal änderte sich die Bedeutung.

„Und am Morgen, wenn du aufwachst
Wird ein großer Regen falln
Der dich wäscht und dich erlöst
Und dich befreit
Von den Sprüchen und den Stichen
Deinen Irrungen und Qualn
Und du weißt jetzt, das ist deine Lebenszeit“

Ich sang es für Julie, eine junge Frau, die ihre letzen Tage bei uns verbrachte. Ihr Ehemann war mit im Zimmer. Ich versang mich mehrfach, brachte den Text durcheinander, entschuldigte mich. Es schien nicht zu stören.
Und ich sang es für einen im Wachkoma liegenden älteren Mann, leise, mehr summend als singend, verlangsamt in seinem unregelmäßigen Atemrhythmus.
Eine Woche später rief mich Julies Ehemann an, fragte nach dem Titel dieses Liedes, das ich so schön gesungen hätte. Ich schmunzelte, die Botschaft des Liedes schien stark genug zu sein, um gestammelte Textfehler zu kompensieren. Er wollte es auf der Beerdigung spielen.
Mein Leben vermischt mit dem der Menschen, die ich begleite.

Ich selber sang es wieder, fünf Jahre später auf einer anderen Beerdigung, diesmal textsicher. Ich saß in der Friedhofskapelle. Und war gleichzeitig in einem indischen Nachtzug. Und in einer Heidelberger Kneipe. Und am Patientenbett.
Jetzt sitze ich am Laptop und höre es mir wieder an.

Das Lied als Zeitreise. Wenn alles auf einmal stattfindet und alles irgendwie miteinander verbunden ist.
Heute habe ich meine Insel gefunden. Natürlich hat man mir nicht gesagt, dass ich in mir selbst suchen muss. Natürlich hat man es mir gesagt, aber ich habe nicht zugehört.

„Du hast nicht mehr als dich und du wirst dich freuen. Da wird eine Insel sein.“

(Beitrag von Rebecca Grießler)

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(Foto von Elianne Dipp)

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